• Samaria Wicki

Impulskontrolle, Frustrationstoleranz und Ruhe - wie du mit deinem Hund die Balance findest


Im Alltag mit Hund, erleben wir immer wieder Situationen, in denen der Hund scheinbar plötzlich die Beherrschung verliert. Schauen wir die entsprechenden Situationen genauer an, stellen wir fest, dass dieser Moment vom Hund angekündigt wurde und dass der Mensch scheinbar seine Signale übersehen hat. Aber gerade als Hundeanfänger ist es viel zu viel erwartet, dass man alle Signale des Hundes von Anfang an lesen und deuten kann. Damit aber auch Anfänger sicher im Umgang mit ihrem Hund werden, möchte ich hier einige Grundsätze zum Trainingsaufbau aufzeigen, die helfen können, dass der eigene Hund nicht mehr plötzlich die Beherrschung verliert. Da jedes Mensch-Hund-Team individuell ist, lohnt es sich, ein Tagebuch zu führen und dort so viele Informationen wie möglich einzutragen, um Muster frühzeitig erkennen zu können. Unabhängig von den individuellen Triggermomenten gibt es im bedürfnisorientierten Hundetraining über positive Verstärkung einige Grundsätze, wie du dir den Alltag mit deinem Hund erleichtern kannst.


Die Impulskontrolle


Jedes Säugetier, und damit jeder Hund und auch jeder Mensch, hat ein individuelles Kontingent an Impulskontrolle. Impulskontrolle ist das, was dafür sorgt, dass wir uns beherrschen, dass wir uns im Griff haben. Dieses Kontingent ist jedoch endlich und damit auch unsere Selbstbeherrschung. Ein Hund, der oft aufgeregt ist oder schlecht zur Ruhe kommt, hat stets weniger Impulskontrolle zur Verfügung, als ein gesunder, ausgeruhter Hund, da die Impulskontrolle im Schlaf und in Ruhephasen wieder aufgebaut wird. Durch die Verarbeitung von Erlebtem im Schlaf, erholt sich der Hund und kann schwierige Situationen besser meistern. Ruhe und Selbstbeherrschung hängen also direkt zusammen und können nicht einzeln betrachtet werden.


Was verbraucht Impulskontrolle und was nicht?


Wir Menschen neigen dazu, wenn es gerade gut läuft, immer noch ein wenig mehr zu machen, weil sich die Situation gerade gut anfühlt. Jedoch müssen wir dabei unbedingt reflektieren, ob die Situation für uns oder unseren Hund eine besondere Leistung dargestellt hat oder nicht. Je schwieriger die Situation war und je souveräner sie gelöst wurde, umso mehr Impulskontrolle hat dein Hund verbraucht. Eine Situation, die sehr oft, sehr ausgiebig geübt wurde und die stets fehlerfrei gemeistert wird und damit für den Hund einfach ist, verbraucht deutlich weniger Impulskontrolle, obwohl vielleicht das genau gleiche Verhalten abgefragt wurde, wie in der schwierigen Situation. Der Kontext, in dem etwas geübt und gelernt wurde, ist also entscheidend für die Einschätzung, wie viel Impulskontrolle gebraucht wird.


Beispiel: Das Signal „Sitz"


Habe ich zum Beispiel das Signal „Sitz“ zu Hause aufgebaut und es funktioniert da sehr gut und zuverlässig, so verbraucht das Signal „Sitz“ zu Hause wenig Impulskontrolle. Beginne ich jetzt jedoch das Signal „Sitz“ im Park abzufragen, hat der Hund das Signal in diesem Kontext noch nicht gelernt und es braucht viel Impulskontrolle. Erwarte ich das Signal „Sitz“ in Situationen, die ich noch gar nicht geübt habe, dann braucht mein Hund also entsprechend mehr Impulskontrolle.


Impulskontrolle trainieren


Möchte ich ein geübtes Verhalten in einem neuen Kontext trainieren, dann sollte ich mir bewusst sein, dass der Hund diesen Kontext noch nicht kann und kennt. Ich gestalte also die Übung so kurz und so leicht, dass mein Hund die Situation fehlerfrei meistern kann. Wenn ich mir nicht sicher bin, ob ein Verhalten im neuen Kontext gezeigt werden kann, beginne ich zunächst mit einem einfacheren Verhalten oder mit einem niedrigeren Schwierigkeitsgrad des Verhaltens, das ich trainieren möchte.


Möchte ich das Signal „Sitz“ in einem neuen Kontext trainieren, sollte ich z. B. darauf achten, dass möglichst keine Ablenkung vorhanden ist. Verlange ich das „Sitz“ in einer lauten, aufgeregten Umgebung, wird es meinem Hund sicherlich schwer fallen.

Ich sollte also darauf achten, dass ich mir eine Tageszeit für die Einführung einer neuen Schwierigkeit aussuche, zu der nach Möglichkeit nur ich und mein Hund unterwegs sind. Ansonsten kann aus einem unbekannten Kontext schnell eine überfordernde Situation für unseren Hund werden, was uns beide frustriert.


Es lohnt sich also darauf zu achten, wie schwer der Kontext für meinen Hund ist, in dem ich trainieren möchte.



Je sorgfältiger und kleinschrittiger ich ein Verhalten aufbaue, umso leichter wird es für den Je sorgfältiger und kleinschrittiger ich ein Verhalten aufbaue, umso leichter wird es für den Hund. Er kann dann Signale entspannt ausführen und auch eigenständig erlernte Strategien generalisieren.

Denke immer daran: Dein Hund lernt kontextbezogen! Beim Generalisieren überträgt er ein bestimmtes Verhalten auch auf andere Situationen. Und genau das wünschen wir uns.


Welche Übungen helfen beim Trainieren der Impulskontrolle nicht?


Es gibt in der Hundewelt einige Übungen, die als besondere Meisterleistungen der Impulskontrolle angepriesen werden. Viele davon, wie zum Beispiel langes Warten vor dem Napf, sind allerdings vor allem eins: Für den Alltag mit Hund wenig zielführend, da der Hund dabei keine generelle Impulskontrolle lernt.

Denn wir erinnern uns: Impulskontrolle wird kontextbezogen gelernt und die meisten Impulskontrollübungen verlassen ihren Kontext nicht. Ihr einziger Sinn und Zweck ist es, zu zeigen, wie großartig der Mensch seinen Hund im Griff hat.

Diese Übungen haben zusätzlich noch den unangenehmen Nebeneffekt, dass sie das Impulskontrollen-Kontingent aufbrauchen. Die Impulskontrolle, die für diese Übungen verwendet wird, ist im Alltag bis zur Wiederaufladung nicht mehr vorhanden.

Auch führen solche Übungen nicht dazu, dass unser Hund generell mehr Impulskontrolle aufbaut: Der Hund lernt lediglich, dass im geübten Kontext Verhalten XY abgefragt wird und mit der Zeit braucht Verhalten XY in diesem Kontext weniger Impulskontrolle und kann somit länger gezeigt werden.

Ich rate deswegen von folgenden Übungen ab:


💀 Langes Warten vor dem Napf oder vor Keksen: Ist eurem Hund Fressen sehr wichtig, werden solche Übungen sehr viel Selbstkontrolle abverlangen. Musstet ihr euren Hund schonmal zurückschicken, weil er zu früh zum Napf losgedüst ist? Gerade diese "Korrekturen" sind unglaublich anspruchsvoll. Und sind wir ehrlich, brauchen die wenigsten Hunde ein solches Training. Kurz warten lassen und Freigeben reicht vollkommen, wenn einem das wichtig ist. Aber seid euch stets bewusst: Diese Übung frisst Impulskontrolle.


💀Leinenführigkeit AUSSCHLIẞLICH über stehen bleiben trainieren, wenn der Hund in die Leine rennt. Das Lernen durch Fehler ist frustrierend und braucht viel Impulskontrolle. Nicht nur beim Hund! Zudem besteht die Gefahr einer Verhaltenskette. Deswegen lieber Markern, wenn Hundi in einem 3/4 Leinenradius ist und diesen Radius so interessant wie möglich gestalten. Sucht gemeinsam Spuren, macht Keksspiele etc. Für den Fall, dass Hundi dem Leinende Nahe kommt, kündigt dieses an und dann kann man auch stehen bleiben. Aber es sollte nicht das Grundtrainig sein, dass der Hund in die Leine rennen muss, damit er ein Feedback bekommt.


💀Flooding: Flooding bedeutet, dass man den Hund so lange Reizen aussetzt, bis dieser "ruhig" wird. Ja, Reize zu lernen ist wichtig, aber bitte kleinschrittig und im Tempo des Hundes. Das grundlegende Problem des Hundes wird durch Flooding nicht gelöst. Im Gegenteil. Er kann daraus die Konsequenz ziehen, dass es sich nicht lohnt, Unbehagen zu zeigen und dann geschieht der berühmte Biss aus dem Nichts.

Es ist keine Selbstbeherrschung, wenn eine Situation einfach ausgehalten wird: Der Hund möchte dennoch die Situation gerne verlassen, traut sich aber nicht mehr, dies zu zeigen. Impulskontrolle aufbauen bedeutet, dass der Hund lernt, mit einer Situation umzugehen, nicht dass er sie aushalten muss, ob er will oder nicht.


Welche Übungen helfen, die Impulskontrolle aufzubauen?


Es gibt jedoch auch Übungen, die tatsächlich helfen, die Impulskontrolle in einem bestimmten Kontext aufzubauen und zu fördern:


👍Das 10-Leckerlispiel: Ein super Spiel, das nicht nur viele verschiedene Belohnungsarten auf einmal präsentiert, sondern gleichzeitig die Impulskontrolle des Hundes verbessert oder sogar als Alternativverhalten eingesetzt werden kann.


👍Freiwillige Umorientierung: Wir neigen dazu, es einfach hinzunehmen, wenn unser Hund uns anguckt. Angucken ist aber Kommunikation für den Vierbeiner. Es ist also sehr höflich von uns, wenn wir Angucken bestätigen und honorieren. Gleichzeitig wird diese Bestätigung dazu führen, dass wir öfter angeguckt werden.


👍Klick für Blick: Arbeiten wir an einem Trigger, sollten wir immer in einer Distanz arbeiten, dass der Hund Erfolg haben wird. Er soll den Trigger aktiv wahrnehmen und im weiteren Verlauf des Trainings lernen, dass er sich selbstständig abwendet und ein Alternativverhalten ausführt. Lasst euch für die genaue Umsetzung dieser Übung bitte kompetent beraten.


👍Medical Training: Gerade bei reaktiven Hunden ist es sinnvoll, dass wir alles, was mit ihnen geschieht, ankündigen und so der Alltag berechenbarer wird. Übt kleinschrittig, dass Anfassen und Untersuchen was Schönes ist.


Pauschal könnte man sagen, dass Übungen, die Frust oder andere negative Emotionen erzeugen, für unsere Hunde nicht sinnvoll sind. Übungen, die den Alltag und unsere Interaktion mit dem Hund vorhersehbar und berechenbar machen und positive Emotionen vermitteln, ergänzen den Alltag jedoch sinnvoll.


Die Frustrationstoleranz


Ein geläufiger, gern genutzter Begriff im Hundetraining ist die Frustrationstoleranz. Der Begriff sagt zunächst nur, dass es Individuen gibt, die besser mit der Emotion Frust umgehen können als andere.

Wie auch bei der Impulskontrolle haben gestresste unruhige Hunde tendenziell eine niedrigere Frustrationstoleranz als gesunde, ausgeruhte Hunde. Dies liegt daran, dass die Impulskontrolle und die Frustrationstoleranz direkt zusammenhängen.


Der Begriff Frustrationstoleranz bringt jedoch ein Problem mit sich:

Er suggeriert, dass Frust im Training sinnvoll ist, da der Hund ja lernen soll, damit umzugehen. Die Folge sind Übungen, die den Hund immer wieder absichtlich so lange frustrierenden Situationen aussetzen, bis der Hund gelernt hat, diese auszuhalten.

Aushalten bedeutet jedoch nicht, dass der Hund eine Strategie erlernt hat, wenn er Frust erlebt. Es bedeutet lediglich, dass er mangels Alternativen die Situation erträgt. Auf der Emotionalen Ebene ist der Hund jedoch immer noch frustriert und die Situation braucht trotzdem viel Impulskontrolle.


Kleinschrittige, faire Erarbeitung von frustrierenden Situationen


Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass der Hund niemals mit Frust konfrontiert werden sollte, sondern dass wir uns überlegen, ob die Konfrontation mit Frust nötig und sinnvoll ist und ob unser Hund das gerade überhaupt leisten kann.

Eine kleinschrittige, faire Auseinandersetzung mit Frust ist sinnvoll und wichtig, da du mit deinem Hund einfach Situationen erleben wirst, die für ihn frustrierend sind und die du in dem Moment gerade nicht ändern kannst.

Langfristig lohnt es sich aber auch, sich zu überlegen, wie wir unseren Hunden in frustrierenden Situationen Alternativen anbieten können, damit die Situationen eben nicht mehr so stark frustrieren.


Wähle ein passendes Alternativverhalten


Wichtig ist: Das gewählte Alternativverhalten sollte zum individuellen Hund und zur individuellen Situation passen. Springt der Hund zum Beispiel immer wild durch die Gegend, wenn ihr euch zum Gassi bereit macht, wäre ein frustrierendes Alternativverhalten, dass der Hund auf seinem Platz warten muss, bis ihr bereit seid, Gassi zu gehen. Das Alternativverhalten funktioniert zwar, verbraucht aber viel Impulskontrolle, da es nicht zur Situation passt und auch nicht die freudige Erwartungshaltung des Hundes aufgreift.

Ein besseres Alternativverhalten wäre es, Leckerlies zu streuen, die der Hund während dem Bereitmachen suchen kann: Suchen sorgt für Entspannung und durch das Suchen bleiben alle vier Pfoten auf dem Boden. Gleichzeitig muss sich der Hund nicht aktiv beherrschen, indem er ein Signal umsetzt, das seinem Bedürfnis rauszugehen nicht entspricht.

Solche frustfreien Alternativverhalten zu finden, die dem Hund beibringen, proaktiv mit Frust umzugehen, ist gar nicht so leicht. Gerade für solche Situationen ist es oft sinnvoll, eine Person hinzuzuholen, die die Situation von außen betrachten kann und eure Dynamik im Blick hat. Wenn ihr gerade keine* Trainer*in habt, dann könnt ihr dennoch euren Hund in seiner Frustrationstolleranz und Impulskontrolle unterstützen, indem ihr darauf achtet, dass ihr nach anstrengenden Tagen, einen oder mehrere Ruhetage einbaut. Was bedeutet das?


Der Ruhetag


Eines der wichtigsten Werkzeuge im Hundetraining, gerade mit reaktiven Hunden, ist meiner Meinung nach der Ruhetag. Dieser ist quasi das Wochenende des Hundes, nur variabler. Im Alltag braucht unser Hund extrem viel Impulskontrolle einfach nur um dabei zu sein. Diese Leistung mag für den Menschen gar nicht so massiv wirken, ist aus Hundesicht jedoch enorm. Ein gesunder ausgewachsener Hund chillt, schläft und ruht am Tag zwischen 16 und 22 Stunden. Ist er krank, alt oder sehr jung sollte die Ruhezeit eher bei Letzterem liegen. Wenn uns unser Hund im Alltag begleitet, dann geschieht es nicht selten, dass sein individuelles Ruhebedürfnis zu kurz kommt.

Um diesem Defizit entgegenzuwirken sollten wir Menschen deswegen immer wieder Ruhetage einbauen: Tage an denen absolut Nichts vom Hund erwartet wird und nur kurze Löserunden stattfinden. Tage, an denen der Hund zu 100% seinem Ruhebedürfnis nachgehen kann. Und vor allem Tage, an denen die Impulskontrolle wieder aufgeladen werden kann.

Achtet darauf, dass es in eurem Alltag auch ein Wochenende für den Hund gibt. Gerade nach besonders ereignisreichen Tagen sollten ein bis zwei Ruhetage eingeplant werden, damit das Erlebte angemessen verarbeitet werden kann und vor allem auch, damit Adrenalin wieder abgebaut werden kann.


Fazit


Die Impulskontrolle unserer Hunde ist eine enorm wichtige Ressource im Training, die wir immer im Blick haben sollten. Sorge dafür, dass dein Hund sich im Training und im Alltag wohl fühlt und achte auf seine Zeichen. Werden Signale nicht sauber, verzögert oder widerwillig umgesetzt, stimmt etwas im Aufbau nicht. Erlebst du eine solche Situation, gehe einige Schritte zurück und überlege dir, was die Ursache sein könnte und wann ihr zuletzt die Impulskontrolle durch einen oder mehrere Ruhetage aufgeladen habt. Dein Hund will dich niemals ärgern und er ist auch niemals stur: Es gibt immer einen Grund dafür, wenn Verhalten nicht ausgeführt wird.

Versuche nicht gegen deinen Hund und seine Bedürfnisse zu arbeiten, sondern mit ihnen und du wirst feststellen, dass euer Alltag und euer Training leichter wird und dass du und dein Hund stärker zusammenwachsen. Mit passenden Belohnungen hilfst du deinem Hund, auch schwierige Situationen mit einem guten Gefühl zu bewältigen.

Du darfst euch den Alltag so einfach wie möglich machen und in einer hohen Frequenz belohnen, wenn dein Hund gerade Situationen meistert, die ihr bisher nicht oder nur wenig geübt habt.

Hab keine Angst davor, dir professionelle Hilfe zu holen, wenn du dir unsicher bist, wie du deinen Hund unterstützen kannst oder wie du Signale generalisieren kannst. Es ist noch kein:e Meister:in vom Himmel gefallen und gerade am Anfang der gemeinsamen Reise ist ein Dolmetscher Hund-Mensch in Form eine:r Hundetrainer:in sinnvoll.


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